Der Lieblingsbetreuer
Thomas (geistig behindert) pflegt Martha (90)
„Ich wollte nicht mehr in der Werkstatt arbeiten. Ich wollte in die richtige Welt“
Berlin – Wenn Martha ihren Thomas um etwas bittet, dann klappt das. Er hilft ihr in die Schuhe, repariert mal eben die Fernbedienung oder geht mit ihr Zeitschriften kaufen. Thomas ist geistig behindert – und Marthas (90) Lieblingsbetreuer.
Seit fünf Jahren arbeitet Thomas Plischkowsky (40) im Berliner Pflegeheim Südostallee. Er ist die gute Seele im sechsten Stock, kümmert sich hingebungsvoll um „seine“ Alten. Hand in Hand einkaufen. Im Wartezimmer auf den Doktor warten. Auf der Bettkante sitzen und zuhören. All das kann Thomas. Nicht obwohl, sondern weil er behindert ist.
„Viele geistig Behinderte haben besondere Antennen für Gefühle, gehen toll mit alten Menschen um“, sagt Heimleiterin Astrid Schöpke (50). „Sie spüren oft Stimmungen, können trösten und nehmen sich Zeit. Wenn sie gebraucht werden, vergessen sie alles um sich und geben sich ganz hin. Was sie natürlich nicht können, sind Pflegearbeiten wie Waschen, Medikamente geben oder Spritzen setzen.“
Bundesweit haben schon mehr als 50 Altersheime das soziale Potenzial geistig Behinderter erkannt, bilden sie in Zusammenarbeit mit Behindertenwerkstätten aus.
Dr. Angelika Magiros von der Bundesvereinigung Lebenshilfe e.V.: „Die Branche legt mehr und mehr die Scheuklappen ab. Viele der geistig Behinderten stellen sich als wahre Talente heraus.“
Thomas ist seit seiner Geburt geistig zurückgeblieben. Er hat einen Betreuer, der regelmäßig zu ihm nach Hause kommt und beim Beantworten von Behördenpost oder Finanzdingen hilft. Lesen und
schreiben kann Thomas aber selber.
Für ihn ist die Arbeit im Altenheim der erste „richtige“ Job. Er bekommt nicht wie vorher ein symbolisches Gehalt vom sozialen Träger, sondern das Grundgehalt einer Pflegekraft vom Heim. Thomas: „Ich wollte nicht mehr in der Behindertenwerkstatt arbeiten. Das war langweilig. Ich wollte auch mal in die richtige Welt. Jetzt bin ich angestellt und verdiene mein ganz eigenes Geld.“
Martha und die anderen Alten sind stolz auf ihn. „Er weiß, wer die Buttermilch kalt und wer sie lauwarm mag“, sagt Martha. „Er merkt sich, wer seinen Kaffee nie aus einem Plastikbecher trinkt. Wenn eine Dame schwierig ist, schicken die Pfleger den Thomas.“
Leise, fast schelmisch, fügt sie hinzu: „Es gibt hier welche, die verweigern das Frühstück, wenn Thomas mal frei hat.“