Ein Kämpfer in Syrien
„Es ist die Hölle auf Erden, was in Syrien geschieht“
Stuttgart - Rebellen? Auf diesen Begriff reagiert Abu Yasin allergisch. „Wir sind die Freie Syrische Armee“, sagt der Deutsch-Syrer bestimmt. „Wir sind Befreier und Revolutionäre, keine Rebellen.“ Eigentlich ist Abu Yasin ISO-Zertifizierer und lebt im schwäbischen Pfullingen, einer Kleinstadt bei Reutlingen. Doch seit August 2012 kämpft er in Syrien gegen das Regime Baschir al-Assads. „Al Almanie“ nennen sie ihn dort – „den Deutschen“.
Zurück in Deutschland ist er nur für ein paar Tage. „Ich komme von der Front und spreche für die FSA“, sagt er. „Es geht darum, hier Aufmerksamkeit zu erregen.“ Um die Fortführung des Krieges mit anderen Mitteln sozusagen. Von sich selbst erzählt er nicht viel, ihm liegt mehr an der Vermittlung der politischen Positionen der FSA.
Abu Yasin wünscht sich eine militärische Intervention des Westens – oder wenigstens logistische Unterstützung. Je schneller der Westen eingreife, desto schneller sei der Bürgerkrieg zu Ende, glaubt er. Vor allem aber sei es wichtig, dass ausreichend humanitäre Hilfe geleistet werde – das syrische Volk benötige dringend Lebensmittel und Medikamente. „Assad bombardiert nicht die Freie Syrische Armee, sondern das Volk, um dessen Hass auf die Revolutionäre zu schüren.“
Der Wunsch, humanitäre Hilfe zu leisten
Zu dem Gespräch in einem Stuttgarter Hotel kommt Abu Yasin nicht allein. Ein deutscher Freund, der für ihn die Termine organisiert, und ein Bodyguard begleiten ihn; immer wieder gab es Meldungen, der syrische Geheimdienst würde auch in Deutschland Regimegegner verfolgen. Yasin trägt einen schwarzen Anzug, ein schwarzes Hemd; er macht einen ruhigen und reflektierten Eindruck, auch wenn der stämmige Mann rein äußerlich auch ein Profiboxer sein könnte, der gerade einen Promotermin absolviert. „Ich bin nach Syrien gegangen, um humanitäre Hilfe zu leisten“, erzählt er. Die Bilder aus seiner Heimat – Abu Yasin ist in Aleppo geboren – hätten ihn erschüttert, zumal er dort Familie habe. Also nahm er Kontakt zu der FSA auf und reiste über die Türkei in das Land ein.
Es blieb aber nicht bei einem rein humanitären Engagement. „Nachdem ich die Lage vor Ort gesehen, diese unheimliche Brutalität gegen die Zivilbevölkerung“, sagt Abu Yasin und hält inne. „Ich habe selbst ein kleines Kind. Deshalb habe ich mich entschieden zu kämpfen.“ Militärisch ausgebildet war er bereits, er hat sowohl in Deutschland als auch in Syrien Wehrdienst geleistet. Mittlerweile ist er stellvertretender Kommandant einer Brigade, zuletzt kämpfte er in Aleppo. Seit Monaten liefern sich Regimegegner und die staatliche Armee in der zweitgrößten Stadt Syriens Gefechte. Abu Yasin ist einer von vielen Deutsch-Syrern, die für die Revolution zu den Waffen gegriffen haben; etliche haben ihr Engagement mit dem Leben bezahlt.
Der Terror der Regierung zermürbe auf Dauer
Viele gute Leute gäbe es in der FSA, sagt Abu Yasin, aber es fehle an militärischer Ausbildung. Trotzdem stünden die Dinge gut für die Revolutionäre. Und er ist davon überzeugt, dass das Assad-Regime früher oder später fallen werde. Sehr schlecht sei aber die Lage der Zivilbevölkerung. Auch wegen des Terrors der Regierung. „Wir haben Leute befreit, die gefoltert wurden. Wenn man so etwas sieht, geht das an die Psyche“, sagt er. „Es ist die Hölle auf Erden, was in Syrien geschieht.“
Ganz anders dagegen agiere die FSA. „Wenn wir eine Kaserne angreifen, umzingeln wir sie und warten, bis die Soldaten kapitulieren. Wir versuchen Opfer zu vermeiden, schließlich sind das unsere Brüder“, sagt er. Eine glaubwürdige Schilderung des Bürgerkriegs? Organisationen wie Human Rights Watch hatten in der Vergangenheit nicht nur der Armee Assads Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen, sondern auch der FSA. Abu Yasin beharrt darauf, dass die Revolutionäre sich an europäischen Standards orientierten. Selbst die Waffen der Kämpfer würden registriert, um zu verhindern, dass diese in falsche Hände geraten. Schließlich sei ein freies und demokratisches Syrien das Ziel.
So werde auch die Bedeutung islamistischer Kräfte, etwa der dschihadistischen Gruppe al-Nusra, in Europa überbetont, meint er. Abu Yasin unterstreicht mehrmals, dass er die Fundamentalisten nicht mag. Aber sie würden keine entscheidende Rolle spielen, eine Machtübernahme radikaler religiöser Kräfte nach dem Sturz Assads sei nicht zu befürchten. „Wir“, sagt er und meint damit die säkularen Gruppen, „sind die Mehrheit.“ Die Proteste weltlich orientierter Studenten seien es gewesen, die am Anfang des Konflikts gestanden hätten. Für ihn selbst spielen religiöse Motive keine besondere Rolle: „Ich bin kein fundamentalistischer Moslem, sondern will den Menschen helfen.“ Ein islamistisches Syrien? Für Abu Yasin undenkbar. „Die Leute dort sind viel zu lebensfroh“, meint er.