Ein Viertel verändert sein Gesicht
Stuttgart - Wie eine riesige Wunde klafft das Bauloch des Projekts Gerber zwischen Tübinger, Cotta-, Marien- und Paulinenstraße. Langsam wächst es zu, Stockwerk für Stockwerk entsteht hier ein großes Einkaufszentrum. Darüber werden Praxen, Büros und Privatleute einziehen.
Der Abriss des Quartiers im Januar 2011 markiert den Beginn großer Veränderungen im Viertel rund um die Paulinenbrücke und im Stuttgarter Süden. Dem Gerber folgten im Jahr 2011 die Baustellen Caleido, die WGV-Erweiterung und Pauline 21. Zuletzt riss die Bietigheimer Wohnbau an der Hauptstätter Straße einen Teil des ehemaligen Möbelgeschäfts Mammut-Beck ab. In einigen Monaten sollen hier die Bauarbeiten für das sogenannte Heusteig Living beginnen. Zählt man die Flächen zusammen, die in den Gebäuden entstehen, kommt man auf rund 84 000 Quadratmeter – das entspricht zwölf Fußballfeldern. Insgesamt entstehen rund 150 Wohnungen und mehr als 1000 Tiefgaragenparkplätze.
Das Gerber: Das größte Neubauprojekt an der Paulinenbrücke ist das Gerber. Ein ganzes Quartier musste dafür weichen. Von Januar 2011 an entkernten Bauarbeiter die Gebäude, parallel wurde abgerissen, im September 2011 begannen die Arbeiten am neuen Gebäude. Derzeit wächst der Rohbau. Projektentwickler des Komplexes aus Einzelhandel, Wohnungen, Praxen und Büros ist die Phoenix Real Estate Development GmbH. Vor einem Jahr waren rund 40 Prozent der Läden und Lokale in der Einkaufsmeile vermietet, jetzt sind es 60 Prozent. Hier sollen vor allem Filialisten einziehen, die es bislang nicht in Stuttgart gibt. Sie bieten Kosmetik, Schmuck und Kleidung an. Friseure, ein Feinkostladen, eine Kaffeebar und eine japanische Restaurantkette haben zugesagt. Edeka, dm,Aldi,eine Apotheke und ein Bäcker ziehen ebenfalls ein. Foto: Max Kovalenko
Die Eckdaten:Projektgröße: 40.000 m²; Bauherr: Württembergische Lebensversicherung AG; Architekt: Bernd Albers (Professor an der Fachhochschule Potsdam) und die EPA Planungsgruppe(City-Center Bad Cannstatt); Die Bauarbeiten: Januar 2011 bis voraussichtlich Mitte 2014; Kosten:250 Millionen Euro; Büros: ca 7000 m², Vermietung bereits gestartetEinzelhandel:85 Läden und Lokale auf drei Stockwerken und 24 000 m² . Wohnungen: 90 Mietwohnungen auf 9000 m² (Mitte 2014 bezugsfertig), die Vermietung startet rund acht Monate vor Fertigstellung; Tiefgarage:Drei Tiefgaragengeschosse mit 650 Parkplätzen; 200 Fahrradstellplätze. Foto: Visualisierung: Aldinger & Wolf
Caleido: In dem großen Komplex zwischen Tübinger Straße und Österreichischem Platz entstehen Büros und Wohnungen. Zur Tübinger Straße hin werden im Erdgeschoss die Restaurants Valle(italienische Küche)und Mikoto (vietnamesische Küche, Sushi)einziehen. Büros gibt es ab einer Größe von 300 bis 3000 m².Die Mieter im Caleido legen Wert auf Luxus. So werden die 15 Wohnungen mit gehobener Ausstattung angeboten. Das Wohnen-auf-Zeit-Konzept bietet möblierte Wohnungen an. Ein weiterer Mieter ist eine Edel-Fitnesskette aus der Schweiz. Foto: Max Kovalenko
Der Süden soll dank der Neubauten stärker an die Innenstadt heranwachsen. Deshalb werden auch die Straßen saniert: Die Tübinger Straße ist seit November 2012 Shared Space. Radfahrer, Autofahrer und Fußgänger teilen sich den Abschnitt ab der Christophstraße. Auch der Straßenabschnitt direkt vor dem Gerber soll irgendwann erneuert werden, genauso die Marienstraße.
Wo Neues entsteht, muss Altes oft weichen. So sind im Frühjahr die Tage der Auferstehungskirche in der Sophienstraße gezählt, sie wird abgerissen. Die Kirche wurde im Krieg stark zerstört und gleicht ihrem Vorgängerbau aus dem Jahr 1879 kaum. Deshalb steht sie nicht unter Denkmalschutz. Bis vor zwei Jahren hielten die Evangelischen Methodisten dort ihre Gottesdienste ab. Doch weil auch deren Mitgliederzahl schrumpft, wurde die Gemeinde mit der an der Silberburgstraße zusammengelegt. Das alte Haus an der Ecke Tübinger/Sophienstraße bleibt hingegen vom Abriss verschont. Die Fassade des Baus wird in das Gerber integriert.
Unter Lärm, Schmutz und Baustellenverkehr leiden derzeit viele Anwohner. In den nächsten Monaten wird es zumindest etwas ruhiger: Einige Rohbauten stehen bereits, und zumindest drei der fünf Baustellen werden Ende 2013 verschwunden sein. Einzig im Gerber und an der Hauptstätter Straße schuften dann noch die Arbeiter. Das Einkaufszentrum soll im Frühjahr 2014 eröffnet werden, Heusteig Living Ende 2015.