Kongo Ein Stamm verschwindet im Dschungel
Kisangani - Gehen kann man das nicht nennen. Wir stapfen, hüpfen, waten, schlittern. Der Waldboden ist von gewaltigen Regengüssen aufgeweicht wie geschmolzene Blockschokolade. Schon nach einer Stunde Fußmarsch bin ich dreimal in den Matsch geflogen, habe mir den Kopf an einem umgestürzten Baumstamm angeschlagen, die Hand an einer scharfen Liane aufgeschnitten und den Körper von Kopf bis Fuß durchnässt – oben vom Schweiß, unten vom Wasser. Zwischen uns und dem Rebellenchef, der auf uns wartet, liegen angeblich acht weitere Stunden Urwald – aber sicher könne man sich dessen nicht sein, sagt mein Begleiter Prince Kaleme: Um einen nicht zu entmutigen, pflegten die Einheimischen mit ihren Entfernungsangaben gerne zu untertreiben. Im kongolesischen Regenwald scheint nichts garantiert zu sein: außer der Endlosigkeit und der Schwüle – und dem Schauer am späten Nachmittag.
Der Rebellenchef bleibt unerreichbar. Genau wie die Schimpansen, die einige Marschstunden Dschungel einwärts in den Bäumen schwingen, oder die Gorillas, zu deren letztem Rückzugsgebiet auf dieser Welt das 10?000 Quadratkilometer große Urwaldareal gehört. Auch die Okapis, die schon immer nirgendwo anders in der Welt zu finden waren, werden wir nicht zu Gesicht bekommen. Selbst Wildhüter, die schon seit Jahrzehnten im Maiko-Nationalpark ihren Dienst versehen, bekommen die scheuen Waldgiraffen kaum mal zu Gesicht. Aber unser Treffen mit dem Oberhaupt des Simba-Völkchens war abgemacht und kam dennoch nicht zustande: „Hier im Kongo“, sagt mein Gastgeber Prince Kaleme, „ist eben nichts garantiert.“
An der Vorbereitung kann es nicht gelegen haben. Simba-Chef Joseph Mando hatte mit einem handgeschriebenen Brief aus dem Urwald sein Einverständnis zu dem Treffen erklärt. Der Chef des Nationalparks, Dieudonné Boji, hatte ein Schreiben mit beeindruckenden Stempeln aufgesetzt, das bei den unzähligen kongolesischen Visum-, Grenz- und Polizeibeamten den beabsichtigten Effekt erzielte. Schließlich hatte Prince Kaleme, der für die Frankfurter Zoologische Gesellschaft am Rand des Urwald sitzt, gekabelt: „Jetzt oder nie.“
Für ein „nie“ war die Geschichte viel zu schön – vielleicht zu schön, um wahr zu werden. Im Urwald der Maniema-Provinz, so hieß es, lebt ein Völkchen, das nach der Ermordung seines Idols, des ersten kongolesischen Premierministers Patrice Lumumba, vor mehr als 50 Jahren in den Dschungel geflohen war. Seitdem halten sich die Simbas dort von der Außenwelt abgeschnitten auf – und leben von der reichen Tierwelt und den Abgaben illegaler Bodenschatzschürfer, die den Waldmenschen Schutzgeld zu entrichten haben. Spätestens seit das Urwaldgebiet in den 70er Jahren zum Nationalpark erklärt wurde, sucht die kongolesische Regierung die ehemaligen Rebellen aus dem Wald zu locken, um den Park auch touristisch erschließen zu können. Doch jeder Anlauf schlug bisher fehl. Der jüngste Überredungsversuch, angestoßen von der Frankfurter Zoologischen Gesellschaft, soll aussichtsreicher sein – wofür auch die positive Reaktion des Simba-Chefs auf unsere Interviewanfrage spricht. „Grüße im Namen unseres Herrn und Erlösers Patrice Lumumba“, beginnt das Antwortschreiben des Rebellenkommandanten, der anschließend dekretiert: „Der Mann kann kommen.“
Das am wenigsten erschlossene Schutzgebiet Afrikas
Des Häuptlings Rückzugsgebiet ist von der modernen Zivilisation mindestens drei Reisetage weit entfernt: Selbst vom Schwellenland Südafrika sind noch zwei Flüge und zwei Taxifahrten mit einer Nettoreisezeit von 22 Stunden nötig, um auch nur in Lubutu, der letzten größeren Siedlung vor dem Dschungel, anzukommen. Mit über hundert Sachen rast der Taxifahrer dorthin – über eine schlaglochübersäten Piste vorbei an Straßendörfern, Hühner und Ziegen überfahrend.
Kürzlich seien mal zwei Touristen aufgetaucht, erzählt der promovierte Zoologe Prince Kaleme: Ihnen hatte offenbar keiner gesagt, dass es sich beim Maiko-Park um das am wenigsten erschlossene Schutzgebiet Afrikas handelt – zugänglich nur zu Fuß auf den Trampelpfaden der Bodenschatzjäger. Parkchef Boji schickte die beiden forschen Besucher gleich wieder weg, weil er für Touristen weder Unterkünfte noch Begleitpersonal hat – ein Schicksal, das so ähnlich auch mir zugedacht ist. Der Besuch beim Rebellenchef könne zumindest nicht wie geplant stattfinden, wird mir kurz nach der Ankunft mitgeteilt: Der Chef der staatlichen Naturschutzbehörde Institut Congolais pour la Conservation de la Nature (ICCN) habe in der Hauptstadt Kinshasa von meinem Vorhaben erfahren und dazu heftig mit dem Haupt geschüttelt.
„Wieso?“ ist keine Frage, mit der man im Kongo auf amtliche Entschlüsse reagiert. Schon eher, wie es dazu kommen konnte, dass der 2382 Straßenkilometer entfernte Bürokrat von meiner Absicht erfuhr: „Ein Spion“, ist Parkchef Boji überzeugt. Schließlich arbeitet seit einer Woche der Neffe des ICCN-Chefs in Bojis Büro in Lubutu. Sich der Anordnung zu widersetzen könne tödliche Folgen haben, erstickt Kaleme jeden Anflug von Rebellion im Keim: Die am Rand des Urwalds postierten Soldaten würden nichts lieber tun, als einem aufmüpfigen Musungu (wie man Bleichgesichter in diesen Breitengraden nennt) eine endgültige Lektion zu erteilen. Allerdings hält Parkchef Boji einen Trost bereit. Am nächsten Tag werde ein Kurier in den Urwald geschickt, um Chief Mando um ein Entgegenkommen zu bitten: Stimmt dieser zu, könne ich am letzten Besuchstag für wenige Stunden in den Wald gehen, um dort den Rebellenchef zu sprechen.
Warum eine derart verschlankte Besuchsversion dem Zorn des ICCN-Chefs und der Aufmerksamkeit der Soldaten eher entgehe, verschließt sich dem europäisch geschulten Verstand: Als Afrikakorrespondent ist man jedoch gewohnt, die Wahrheit als ein schwer fassbares Phänomen zu begreifen. Schließlich muss man einem Musungu auch nicht alles auf die Nase binden. Vielleicht traute man dem grauhaarigen Bleichgesicht den strapaziösen Marsch nicht zu; vielleicht scheute man sich selber vor der Anstrengung; vielleicht stimmte auch schlicht die Zeche nicht. Womöglich ist die Sache mit dem ICCN-Chef aber auch wahr: „Man weiß hier nie genau“, sagt Prince Kaleme ein weiteres Mal.